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Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 20. Mai 2012

Vorbild und Richtschnur

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Bei der Priesterweihe betet der Bischof im Weihegebet: „Erneuere in ihnen den Geist der Heiligkeit. Das Amt, das sie aus deiner Hand, o Gott, empfangen, die Teilhabe am Priesterdienst, sei ihr Anteil für immer. So sei ihr Leben für alle Vorbild und Richtschnur.“

Grundlegend für die Priesterweihe ist die Taufe, die uns mit dem Geist der Heiligkeit beschenkt hat. Priesterweihe bedeutet sozusagen die Zuspitzung dieser Heiligkeit, in dem die Verantwortung für die Heiligkeit des Volkes Gottes übernommen wird.

Bei der Weihe wird dem Kandidaten das Bild Christi, des Heiligen, unauslöschlich eingeprägt. Der Herr möchte erneut ein menschliches Antlitz finden, das für die anderen anschaubar ist. Er will in menschlicher Sorge der Welt nahe bleiben durch unsere Sorge. Deshalb auch die Bitte: „Erneuere in ihnen den Geist der Heiligkeit!“, d. h. lass die Priester Christus gleichförmig werden und bleiben!

Begeisterte und überzeugende Priester sind in den Augen Gottes die normalen. Priesterlicher Dienst bedeutet Aufbruch, nie Stillstand: Je neu aufzubrechen, sich schicken zu lassen, die Zumutungen der Umbrüche anzunehmen und sie in der Führung des Hl. Geistes zu gestalten, das ist das genaue Gegenteil von einer Beamtenmentalität, die das seit langem Abgesicherte in das Morgen ziehen möchte.

Im zentralen Weihegebet heißt es weiter: „Das Amt, das sie aus deiner Hand, o Gott, empfangen, die Teilhabe am Priesterdienst, sei ihr Anteil für immer.“
Das Loslassen der Hand Gottes bleibt eine menschliche Möglichkeit auch nach der Priesterweihe. Dafür gibt es erschütternde Beispiele. Wer weiß das besser als ein Bischof? Aus diesem Realismus ist das Gebet um „Anteil für immer“ notwendig.
Gottes Menschwerdung durch den Heiligen Geist setzt sich buchstäblich im Weihesakrament durch denselben Heiligen Geist fort. Das Heil ist im Weihesakrament gleichsam geerdet. Dass es in dieser Welt Menschen gibt, die aus dem Evangelium und aus der Kraft der Weihe das Leben Jesu berührbar und greifbar werden lassen, ist für diese Erde Hoffnung und Gnade zugleich.

Schließlich heißt es im Weihegebet: „So sei ihr Leben für alle Vorbild und Richtschnur.“
Der Anspruch an den Priester heißt: Dein eigenes Leben werde zur Orientierung und Ermutigung für andere. Was Paulus von seinem apostolischen Wirken sagt, das müsste im priesterlichen Leben ebenfalls eine Bestätigung finden: „Wir haben euch das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch mit Macht und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit“ (1 Thess 1, 5).
Es geht um die wirkmächtige Verkündigung, authentisch und überzeugend. Wie Christus der Nachahmer des Vaters ist, so wird Paulus der Nachahmer Christi. Und damit wird er zugleich zum Vorbild für die Thessalonicher, die nun ihrerseits den Apostel nachahmen und damit zum Vorbild für die Bewohner von Mazedonien und Achaia werden.
Diese Bewegung brach damals alle religiösen, kulturellen und nationalen Ghettos auf. Ich glaube fest, es gibt für die Kirche auch heute keine andere Kraft, nationale und ideologische Ghettos in Europa und der Welt aufzubrechen, um unsere Welt auf Christus hin zu verändern, als die wirkmächtige Nachahmung Jesu Christi.
Genau deshalb betet die Kirche bei der Weihe: „So sei ihr Leben für alle Vorbild und Richtschnur“.

Ich erinnere mich an einen Gesprächsabend mit Priestern unseres Bistums. Junge und Alte sprachen in einer selten erlebten Ehrlichkeit über ihr priesterliches Selbstverständnis. Am Ende einer Kette von Wortmeldungen bekannte ein alter Priester: „Ich habe mich in meinem Priesterleben stets darum bemüht, die Menschen zum Himmel zu führen und sie für eine gute Sterbestunde zuzurüsten. Alle anderen Aufgaben mussten demgegenüber zurückstehen.“

Ein uns zunächst fremd anmutendes Programm für ein priesterliches Leben. Und doch, so glaube ich, nur wer um den Tod weiß, kennt wirklich das Leben. Nur wer um die Ewigkeit weiß, ist zur Verantwortung für die Gegenwart fähig.
Priester gehen täglich in der Feier der Hl. Eucharistie mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi um. Menschen in diese Bewegung von Tod und Auferstehung hineinzunehmen, heißt, sie zu einer guten Sterbestunde zu führen und ihnen damit wirkliche und überzeugende Lebenshilfe zu geben.

Wenn das Beten der Kirche wirkliche Norm unseres Glaubens ist, dann steht der Priester immer in einer betenden Bringschuld im Hinblick auf das Volk Gottes, dessen Heiligung mit der eigenen eng verbunden ist.

Das alles erinnernd zu vertiefen, ist wichtig für jede der Gemeinden im Bistum Fulda und angesichts der Feier der Priesterweihe am kommenden Samstag in unserem Hohen Dom.

 

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Für die Wünsche aus Anlass seines 85. Geburtstages hat Papst Benedikt XVI. dem Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen durch einen von Erzbischof Angelo Becciu unterzeichneten Brief seinen Dank übermittelt.
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